Über Decision Fatigue, Curse of Knowledge und die Tatsache, dass die eigene Brand das schwerste Designprojekt ist, das du je angehst.
Rechne ich grob nach, sind das ungefähr 800 Euro für ein "Coming Soon". Zwei Jahre Framer-Abo, eine Domain und ein paar Fonts. Alle paar Monate dieselbe Story: ich öffne das Projekt, schiebe ein paar Sections hin und her, packe etwas Neues auf mein Moodboard, merke dass die Tonalität noch nicht stimmt, schließe das Fenster wieder. Also nicht sehr produktiv.
Das Lustige daran (oder weniger Lustige, je nach Tagesform): ich kenne auch andere Designer, denen es genauso geht. Für Kundenprojekte liefern wir verlässlich ab. Pitch in zwei Wochen, Website-Launch in acht. Aber sobald wir uns selbst auf den Tisch legen, dauert alles ewig, sieht nie ganz richtig aus, und der Launch verschiebt sich vom Sommer auf "irgendwann nächstes Jahr, versprochen".
Das ist kein persönliches Versagen, auch wenn es sich so anfühlt, wenn man wieder mal ein "wann geht denn deine Seite online?" wegmoderiert. Es ist ein strukturelles Problem. Hier mein Versuch einer Diagnose.
Das Briefing, das nie kommt
In jedem Kundenprojekt gibt es ein Briefing. Das Briefing ist oft schlecht. Manchmal widersprüchlich, fast nie vollständig. Aber: es existiert. Da steht eine Zielgruppe drin, ein Budget, eine Deadline, im besten Fall schon Farben und Tonalität. Du arbeitest in einem Raum mit Wänden.
Bei mir selbst? Keine Wände. Ich bin Auftraggeber und Designer in einer Person, und der nervige Reviewer, der alles nochmal in Frage stellt, bin auch ich. Jede Entscheidung muss aus dem Nichts begründet werden, und jedes "warum eigentlich so?" landet wieder bei mir.
Der Begriff dafür ist Decision Fatigue. Heißt: je mehr Entscheidungen offen sind, desto schlechter wird man bei jeder einzelnen. Bei einem Kundenbriefing ist die Hälfte schon vor dem Kick-off geklärt. Bei meiner eigenen Seite ist alles offen. Gleichzeitig. Dauerhaft.
Und so läuft dann der typische Abend: ich fange mit der Farbpalette an, merke dass ich die Tonalität noch nicht weiß, springe zur About-Seite, merke dass ich dafür die Positionierung brauche, springe zur Positionierung, merke dass die von der Zielgruppe abhängt. Um Mitternacht habe ich drei halbe Skizzen, fünf Claude Chats, zehn offene Designer-Portfolio-Tabs, und nichts Fertiges. Lol.
Curse of Knowledge (oder: warum du zu viel weißt)
Bei Kunden darf ich naiv sein. Ich stelle dumme Fragen, weil ich das Geschäft im Detail nicht kenne. Diese Naivität ist die eigentliche Superkraft. Sie zwingt zur Klarheit. Sie produziert die "ach so meinen Sie das"-Momente, aus denen gute Konzepte entstehen.
Bei mir selbst hab ich diesen Vorteil nicht. Ich weiß zu viel. Ich weiß, dass das Logo-Detail eigentlich aus einer Diskussion mit einem Kollegen vor einem Jahr kam. Ich weiß, warum Case Study A wichtiger ist als B, auch wenn B visuell stärker ist. Ich weiß, was ich eigentlich gemeint hab. Schönes Insider-Wissen. Niemand sonst hat das Wissen. Und ich kann es nicht mehr loswerden.
Der Effekt heißt Curse of Knowledge im Englischen, und er funktioniert so: sobald du etwas weißt, ist es fast unmöglich, dich in jemanden hineinzuversetzen, der es nicht weiß. Bei der eigenen Brand bedeutet das: ich erkläre zu wenig, weil mir alles selbstverständlich erscheint. Oder ich erkläre zu viel, weil ich jede Nuance retten will. Beides ist mies. Die richtige Version, kurz und klar und für jemanden geschrieben, der mich nicht kennt, ist die schwerste, weil ich sie nicht mehr neutral lesen kann.
Wenn aus Designarbeit Therapie wird
Bei Kunden designe ich ein Produkt. Bei mir selbst designe ich mich. Und das ist der eigentliche Unterschied, größer als alle anderen zusammen.
Wenn ein Kunde meine Farbpalette ablehnt, ist das eine Designdiskussion. Wenn ich meine eigene Farbpalette ablehne, ist es eine Identitätsdiskussion. Ich sage mir nicht "diese Farbe funktioniert nicht für die Marke", ich sage mir "das bin ich nicht". Klingt dramatisch, ist es auch. Macht jede Iteration schwerer.
Dazu kommt: meine eigene Brand ist nie fertig, weil ich nie fertig bin. Was ich tue, was mich interessiert, wie ich mich positioniere, das bewegt sich. Eine Kundenbrand kann ich in einem Snapshot definieren und übergeben. Meine eigene muss ich in eine Form bringen, die heute stimmt und in zwei Jahren auch noch. Ich weiß jetzt schon, dass sie es nicht tun wird. Also schiebe ich.
(Beruhigender Nebengedanke: vielleicht ist das ja produktive Prokrastination, weil späteres Entscheiden mehr Optionen offen hält. Sehr tröstlich. Sehr praktisch, um zwei Jahre Framer-Abo zu rechtfertigen. Funktioniert leider nur, bis man merkt, dass "alle Optionen offen" am Ende heißt: nichts geht live.)
Der Standard, den nur du siehst
Hier wird's richtig unangenehm. Mein Portfolio wird von Menschen in 30 bis 60 Sekunden gescannt. Andere Designer, potenzielle Kunden, irgendein Recruiter, der grad neugierig ist. Niemand davon liest die About-Sektion zweimal. Niemand vergleicht das Spacing zwischen zwei Elementen. Niemand merkt, dass das Hover-Detail auf der Project-Card 200ms zu langsam ist.
Ich merke es. Und ich arbeite gegen einen Standard, den außer mir nie jemand sehen wird. Nicht gerade ein effizienter Einsatz von Lebenszeit.
Das ist auch nicht Perfektionismus im klassischen Sinn, sondern beruflich kalibrierte Aufmerksamkeit, angewendet auf das falsche Projekt. Ich sehe Dinge, die andere nicht sehen, weil das mein Job ist. Bei Kunden hab ich dann irgendwann eine Deadline, die mich zwingt zu sagen "gut genug, raus damit". Bei mir selbst gibt's die Deadline nicht. Also poliere ich weiter Dinge, die niemand bemerken wird. Und merke nach zwei Stunden, dass ich eigentlich nur die About-Sektion schreiben wollte.
Was bei mir geholfen hat
Ich glaube nicht, dass es einen Trick gibt, der das alles auflöst. Wäre auch zu einfach. Was bei mir trotzdem geholfen hat:
Ich hab mir ein eigenes Design System gebaut. In Figma aufgestellt, in Framer reingespielt, fertig. Klingt nach Overkill für eine Portfolio-Seite, ist es vielleicht auch. Aber jetzt diskutiere ich nicht mehr für jede Section neu, welche Schrift, welches Spacing, welche Farbe. Ist alles festgezurrt. Eine Entscheidung weniger, jedes Mal. Und sobald die Constraints da sind, geht der Rest plötzlich schnell.
Ich mache zuerst die Sachen fertig, die mir leicht fallen. Sektionen, Seiten, Inhalte, die schon halb im Kopf sind. Plötzlich wirkt die Seite ziemlich voll, und die eine fehlende Case-Study-Seite ist nur noch eine von acht Seiten, die noch zu machen ist. Statt "ich muss noch alles bauen" denke ich "naja, das eine Ding krieg ich auch noch hin, das Ziel ist eh schon nah". Billiger Psycho-Trick mit mir selbst. Funktioniert.
Und ich begrenze den Inhalt aktiv. Meine Seite braucht nicht fünf fertige Case Studies zum Launch. Eine reicht, oder zwei. MVP für die eigene Portfolio-Seite ist eine seltsame Idee, hilft aber. Wenn die Struktur einmal steht, geht das Nachfüllen viel schneller, als man im leeren Zustand denkt. Eine neue Case Study in ein bestehendes Template zu gießen ist halb so wild wie das Template selbst zu bauen.
Das beste Gegenmittel ist trotzdem ein anderes: eine künstliche Deadline mit echten Konsequenzen. Bei mir war das jetzt kamo.day, ein eigenes kleines Produkt, das ich vor kurzem mit meinem Freund Raphael gelauncht habe. Das jetzt eine Landing Page auf meiner Seite braucht. Klingt banal. Ist aber zum ersten Mal seit zwei Jahren ein Grund, der nicht "ich sollte mal" heißt, sondern "ich brauche das jetzt, weil sonst hängt das andere Projekt in der Luft". Ein zweites Projekt, das vom ersten abhängt. Das ist die Art Konsequenz, die wirklich zieht.
Hätte ich mir auch billiger haben können als für 800 Euro Coming Soon. Naja. Lerneffekt mitgenommen.
Während ich das hier schreibe, ist meine Seite tatsächlich live. Nicht perfekt, aber live. Das ist der wichtigere von den zwei Schritten. Alles andere ist Iteration.
Wenn du gerade selbst an deiner Seite hängst und das hier dich an dich selbst erinnert hat: du bist nicht allein, und es liegt nicht an dir. Es liegt am Setup. Hilft beim Nicht-So-Persönlich-Nehmen. Beim Launchen leider nicht.
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Über mich

Max Steinwender
Product Designer
Max ist Product Designer bei applied by zeb. Tagsüber Banking, abends eigene Projekte. Schreibt darüber, was dabei hängen bleibt.
